73. Wartburgfest des Wingolfbundes
Ein Bericht sollte objektiv sein. Dieser hier ist es nicht. Er versucht
es auch nicht. Denn wenn ich ehrlich sein soll, wäre es mir auch
unmöglich solches hier in Papier zu pressen. Vielmehr möchte ich
dich, werter Leser, auf die Reise mitnehmen, die ich zusammen mit
meinen Bundesbrüdern des Darmstädter Wingolf angetreten bin. Ich
möchte dir einen Blick aus meinen Augen ermöglichen, den Augen
eines Ordners.
Eines Mannes, der im Hintergrund arbeitete, der die
Organisation (oder das Fehlen derselben) und die Anstrengung des
Wartburgfestes erlebt hat. Und unter uns gesagt: Meine Augen sind
nicht die schlechtesten, durch die man Blicken kann. Deshalb kann ich
nicht objektiv bleiben und deshalb kann ich keine Vollständigkeit
gewähren. Was ich aber kann, ist dir einen Eindruck der Stimmung zu
geben.
Pathetisch
und poetisch, tausend Mal in Bildern und Worten verewigt - das ist
die Wartburg im Thüringer Wald hoch über Eisenach. Stein gewordene
Metapher für Rittertugend und Minnesang, für Kreuzfahrer und
Reformatoren. Goethe hat sie beschrieben und gezeichnet und Wagner
hat sie im Tannhäuser besungen. Hier innerhalb ihrer dick
verputzten, schweigsamen Mauern schmiedeten rund 500
Verbindungsstudenten in den Flammen jugendlichem Siegesmutes eine
Lebensaufgabe. Die Wartburg kann ohne Bedenken "fabelhaft"
genannt werden - in der ureigensten Bedeutung des Wortes.
Umso
unscheinbarer wirkt dieser schlichte Bau, der sich friedlich an den
Thüringer Wald schmiegt. Es ist Donnerstag, der zweite Juni. Am Fuße
des Hügels, nicht zu erkennen für die Alten Herren und Gäste im
Hof der Wartburg, warten knapp 100 Chargierte alle in Vollwix darauf,
in diesen historischen Bau einzuziehen, um das 73. Wartburgfest des
Wingolfbundes zu eröffnen. Alle in vollwichs? Nein! Unter den
anwesenden Chargierten finden sich drei im schlichten, eleganten
Anzug. Es ist der Darmstädter Wingolf, der ebenso gespannt wie alle
auf grünes Licht warten. Die anderen Ordner und ich huschen hektisch
hin und her, gliedern die letzten Nachzügler und die etwas
langsameren Bundesbrüder ein. Und ehe man sich versieht geht es
los.
Ich finde es schwer in Worte zu fassen, wie großartig der
Anblick ist, der sich nun bietet: Am Tor der Wartburg trennen sich
Changierter und Fahnenfux. Während erstere sich in einem
geschlossenen Block in der Mitte des Platzes aufstellen, ziehen
letztere an ihnen vorbei und rahmen den Platz ein. Ich bin überrascht
über den feierlichen Gesichtsausdruck der Changierten. Immerhin
müssen sie in ihren Kneipjacken bei lebendigem Leibe garen, denn es
ist wirklich heiß. Während ich die Sätze
hunderte von Malen wiederhole, fällt mein Blick auf die Fahnenfüxe.
Der ein oder andere jappst noch oder lässt etwas die Schultern
hängen, aber all diesen Füxen steht derselbe stolze Funke in den
Augen.
Besonders möchte ich hier ein spezielles Fuxenpaar erwähnen,
dass zur selben Verbindung gehörte. Der eine trug eine Fahne mit den
tatsächlichen Farben ihrer Verbindung, der andere eine Fahne mit den
Traditionsfarben. Nun sind wir als Ordner davon ausgegangen, dass pro
Verbindung nur ein Fahnenfux da ist. Ich glaube jeder Ordner hat
diese beiden im Verlaufe des Wartburgfestes mindestens einmal
gefragt, wo ihre Changierten seien. Spätestens beim Aufzug zum
Gedenkmal, konnte man den beiden an den Augen ablesen, was sie von
dieser Frage halten. Solltet ihr beiden irgendwie diesen Bericht
lesen, meine lieben Füxe, entschuldige ich mich im Namen aller
Ordner dafür.
Es
sind inzwischen alle eingezogen und sie alle stehen ernst da und
schauen auf einen kleinen Balkon direkt vor ihnen, wo gleich die
Bundeschargierten das Fest eröffnen werden. Nur sieht man keine
Changierten. Lediglich ein bescheidenes Schild mit der Aufschrift
"WC" − und das stand nicht für
Wingolfsbundeschargierte
. Der Vorort baut sich nämlich hinter
den Eingezogenen auf einer kleinen Treppe auf. Macht nichts. Kein
Mensch ist bekanntlich perfekt. Und auf diese Weise kommt der
Bundes-X, Phillip Bauer, in den kleinen Genuss rund 100 Chargierten
ein "Kehrt um!" zu erteilen.
Bauer hält dann auch die
Eröffnungsrede, die sich wie die Wartburg selbst gestaltet -
unerwartet schlicht. Nach der freundlichen Begrüßung kommt dann der
VAW-Vorsitzende, Alexander Loos, zu Wort.
Zum
Abschluss wird das Bundeslied gesungen und kaum eine Kehle auf dem
Platz bleibt still. Ich bin überrascht, dass selbst an sich
"unbeteiligte" Gäste mit einstimmen. Ich meine nicht nur
die Verwandten von den Philistern, sondern sogar Leute von der Presse
und Touristen. Sie all starren gebannt auf ihre Liederzettel und
trällern munter mit. Hierin fand ich den Beweis für die Aussage:
"Es ist der Wingolfsgeist, der Gemeinschaft spendend ist"
und von diesem Geist war offenbar mehr als genug für alle da. Nach
dieser eindrucksvollen Szene folgt nun der Auszug, der sich leicht in
die Länge zieht, da am Tor noch Fotos gemacht werden. Was aber zu
Beginn wie langweiliges Warten anmutet, entpuppt sich als vorzügliche
Gelegenheit mit anderen Bundesbrüdern ins Gespräch zu kommen.
Auch
wenn für heute kein offizielles Programm mehr geplant ist, geht es
"Am Storchenturm" erst richtig los. Es ist vor allem dieser
Abend, der mir die Kontraste und Konstellationen der einzelnen
Wingolfsverbindungen vor Augen führt.Zwischendurch hatte ich mehr
den Eindruck unter Corps auf Coloueurbesuch zu sein. Auch das
"Paulen" der Bundesbrüder weißt breite Niveauunterschiede
auf. Manche erweisen sich als spitzfindig und andere wiederum…als
unerwartet schlicht im Kopf. Es kann ja nicht immer nur die Sonne
scheinen, denke ich mir. Ich kann mich dem Trubel auch nicht voll
widmen, da ich für den Anstehenden CC noch einige Formalitäten
erledigen muss. Vielleicht gab es ja während meiner Abwesenheit ein
paar erheiternde Szenen, die mir entgangen sind.
Nach
einem kaum gefühlten Schlaf geht es auch gleich weiter. Wir haben
heute Freitag und es geht ans eingemachte. Es finden zunächst der
Chargiertenconvent und der Wartburgphilistertag statt. Trotz
vorangegangenem großzügigem Konsum scheinen die Bundesbrüder aber
recht frisch zu sein. Zumindest scheitern die wenigsten an der
Aufgabe, ihre Namen in eine Liste einzutragen. Die traumhafte
Location des CC war dann auch im Verlauf des Konvents immer wieder
eine Erwähnung wert. Nicht wenige Bundesbrüder schlossen ihre Reden
mit den Worten: "Und außerdem hätte ich dafür gesorgt, dass
der Chargiertenkonvent nicht in einer Bowlinghalle stattfindet!".
Ich kann diesen Widerwillen kaum nachvollziehen, immerhin kann man
auf diese Weise nach der Veranstaltung noch eine gediegene Runde
Airhockey
spielen.
Für jene, die an keinem der beiden
Konvent teilnehmen durften, gab es alternativ auch Führungen − ins
Automobilmuseum, soweit ich das verstanden habe. Ich bin überrascht,
dass der Konvent so kurz war, die angesprochenen Themen schienen doch
sehr emotional. Aber gleichzeitig bin ich auch etwas froh darüber,
denn so habe ich ein wenig Zeit gewonnen. Und die wird kräftig
genutzt, es gibt überall etwas wo man mit anpacken kann und muss.
Unter anderem muss auch schon jetzt der Einzug in der Gerogenkirche
vorbereitet werden. Hier galt es für uns Ordner zu unserem Vergnügen
ein vom Vorort gespendetes Rätsel zu lösen: Wir bekamen nämlich
eine kleine Skizze und in fahrige Worte gefasste Anweisungen, was wir
mit den in wenigen Minuten eintreffenden Chargierten machen sollen.
Das Rätsel bestand nun darin, diesen Plan
zu entschlüsseln.
Was wir letztlich tun sollen, kapiert keiner. Das schönste daran:
Wir beziehen einen anderen Bundesbruder in unsere Überlegung ein,
vielleicht kann ja sein neutraler Verstand den Plänen
etwas
abgewinnen. Es zufällig (!) der selbe Bundesbruder, der diesen
Plan
entworfen hat. Helfen kann er uns aber auch nicht.
Improvisation lautet also das Motto.
Als letztlich die Fahnenfüxe
und Chargierten einziehen und sich auf den Seitengängen der Kirch
verteilen, ist der Effekt einzigartig − und wir Ordner erleichtert.
Viele hatten dann doch mit der niedrigen Decke zu kämpfen, die das
Hantieren mit den Fahnen deutlich erschwerte, doch erschien es mir,
als ob jeder einzelne die Worte der Predigt von Bundesbruder Heiko
Seeburg beherzte: Christ sein, heißt auch, zu Streiten;
Durchzuhalten und seinen Standpunkt tapfer zu vertreten. Und das
taten die hier anwesenden. Nach dem Ende der Ernsten Feier, zogen
alle die Straße hinauf zum Wingolfsdenkmal. Einmal mehr trennten
sich Fahnenfux und Chargierter entlang der Treppen auf, wobei die
Füxe ganz nach oben durchzogen und die Fahnen entlang der Rundmauer
drapierten. Das Wingolfsdenkmal ist schon für sich ein hübscher
Anblick. Aber verziert durch die Fahnen und den Bundesbrüdern wirkt
es schlicht ergreifend. Nach der Ansprache von Alexander Loos, zogen
schließlich alle beteiligten aus, wobei jede Verbindung die Fahne
vor dem Kranz senkte. Eine plötzliche, nachdenkliche Stille breitete
sich aus, die jeden ergriff.
Nachdem der Toten gedacht wurde,
trafen sich die lebenden in der Aßmanhalle ein, um den Festcommersz
zu erleben. Der Einzug jeder einzelnen Wingolfsverbindung wurde über
eine Anlage angesagt und unter Jubelrufen der entsprechenden
Bundesbrüder fanden sich die Chargierten im vorderen Teil der Halle
ein, wo das Präsidium aufgebaut wurde. Nachdem ein jeder seinen
Platz gefunden hatte, wurde der Kommers angeschlagen. 100 junge
Männer zogen ihre Schläger und ließen sie auf den Tisch vor sich
sausen und eröffneten unter dem Donnergrollen von Stahl den
Festkommers. Wenn ich eine Szene behalten habe, dann diese: Es ist
ein Moment, wie man ihn nur auf Kinoleinwände sieht, eine dieser
Ereignisse, von denen man seinem Freundeskreis berichtet. Wie es sich
gehört wurde gesungen, getrunken und Reden gehalten. Spätestens
jetzt fiel mir auf, dass sich sämtliche Ansprachen des
Wartburgfestes um das Engagement drehten. Loring Sittler forderte
dazu auf sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Er gab sogar
leichte, von jedem ausführbare Anweisungen, wie mit kleinen Gesten
große Effekte erzielt werden können. Persönlich schätze ich die
Einstellung dieses Wartburgfestes. Ich bin der Meinung, dass sich ein
Wingolfit stärker sozial engagieren sollte. Es ist schön und gut
einen Bund wie unseren zu haben, aber ich halte es persönlich nach
folgendem Motto: Ein Mann definiert sich nicht durch seine Worte,
sondern durch seine Taten.
Nach dem wunderschönen Festcommers
fand in der selben Halle gleich im Anschluss das Landesvater stechen
statt.
Der
Tag lieferte einige imposante Bilder, an die ich mich noch lange mit
Freude erinnern kann. Leider brachte auch der Abend am Storchenturm
Bilder mit sich, an die man sich noch lange erinnern muss. Von
Mäßigkeit haben da wohl einige Bundesbrüder noch nichts gehört:
Das muntere, sinnbefreite Papsten
in einen zweckentfremdeten
Eimer kann man ja noch als Jugendsünde beiseite tun. Auch das
krudeste und primitivste Beleidigen von Bundesbrüdern kann man als
guter Christ wegstecken, man soll ja auch die andere Wange hinhalten.
Wenn aber Fremdeigentum beschädigt wird und die eher an Affen in
Kneipjacken erinnernden Bundesbrüder damit anfangen Bierfässer aus
Zapfanlagen des Storchentrums aus den Ankern zu heben, hört der
"Spaß" auch irgendwann auf. Bevor die erzürnten
Mitarbeiter des Storchenturm drastischere Maßnahmen ergreifen
konnten, entschärfte der Vorort geistesgegenwärtig die Situation
durch ein generelles Stoffverbot. Das Bierzelt wurde geschlossen und
der Ausschank eingestellt.
Es gab aber auch ein besonders schönes
Konterbeispiel: Um nicht so in Erinnerung zu verbleiben, schlossen
sich eine Handvoll Bundesbrüder zusammen und eröffneten nach dem
Ärger einen gesitteten, geistreichen und witzigen inoffiziellen
Inoffiz
, der selbst den entnervten Bedienungen ein Lächeln auf
die Lippen trieb. Nachdem bewiesen war, das der Wingolf auch anders
kann, war der Storchentrum sogar bereit für etwas mehr Stoff zu
sorgen.
Eine schlaflose Nacht später, näherte sich das Wartburgfest langsam,
aber spürbar seinem Ende zu. Vieles von der Hektik und dem Stress
der letzten beiden Tage und Nächte fiel weg, der größte Teil des
Tages bestand in entspanntem und heilsamen vor sich hin dünkeln. Das
mag vor allem daran liegen, dass heute nur noch der Festball ansteht.
Der soll laut Zeugenaussage sehr schön und überraschend gut besucht
gewesen sein. Einige Ordner inklusive mir waren am Storchentrum
verblieben, um dort für die Ruhe zu sorgen. Erstaunlicherweise war
es dort auch ruhig. Die meisten Bundesbrüder, welche nicht am Ball
teilnahmen, zogen durch die Coleurlokale. Die Gunst dieser ruhigen
Stunde nutzte unser Hausgast Fabio Arnold, um sich Aktivzumelden. Im
Schein einer Straßenlaterne wurde ihm dann auch das Band verliehen,
wobei gerüchteweise die Zierenberger Konvention
für Stoff
sorgte.
Das Wartburgfest − für mich das erste − war nicht nur im Rückblick betrachtet eine großartige und vor allem wichtige Erfahrung. Es verleiht einem den nötigen Kontrast, um seine Perspektive zu relativieren. Auch wenn das etwas negativ klingen sollte, so ist das nicht so gemeint. Als Fux lernt man vieles von Bundesbrüderlichkeit und hört oft vom Wingolfsgeist, aber erst hier, wo der Hauch der Gemeinschaft selbst die fremdesten Menschen aneinander näher bringt, erst wenn man diesen Wingolfsgeist selbst verspürt hat, weiß man, wovon damals so oft gelehrt wurde. Und so stressig, wie die drei Tage als Teil des Ordnerteams waren, so konnte jeder persönlich an dieser Aufgabe wachsen. Mit diesen Worten verabschiede ich mich von dir, werter Leser, und hoffe, dass ich dir einen kleinen Eindruck dieses Erlebnisses näher bringen konnte.
